Welche Projekterfahrungen haben wir?

Die Beiträge auf diesen Seiten beziehen sich auf Erfahrungen, die wir in unterschiedlichen wissenschaftlichen Projekten an der Medizinischen Hochschule Brandenburg gesammelt haben. Wir arbeiten dort zurzeit in fünf kollaborativen Projekten. In diesen arbeiten Erfahrungsexpert*innen mit Menschen ohne Psychiatrie-Erfahrung als Nutzer*innen zusammen. Wir schreiben hier über diese Projekte, um ein bisschen davon zu verdeutlichen, wie wir in unserem wissenschaftlichen Alltag arbeiten. Inhaltlich befassen sich die Studien, an denen wir beteiligt sind mit der Umsetzung von Modellprojekten in der psychiatrischen Versorgung, mit stationsäquivalenter Behandlung durch psychiatrische Kliniken, mit der Implementierung von Peers als Mitarbeiter*innen in psychiatrischen Kliniken, mit Recovery-Gruppen-Angeboten und mit einer intersektionalen Perspektive auf Verrücktseinserfahrungen im städtischen Raum.

PsychCare

Wir drei haben uns in einem kollaborativen Projekt namens „PsychCare“ kennengelernt, welches von Herbst 2017 bis Sommer 2020 andauerte. Wir arbeiteten mit qualitativen Methoden und befassten uns vor allem mit den Erfahrungen von Nutzer*innen in sogenannten Modellkliniken (§64b SBG V). Unsere Kolleg*innen betrachteten weitere Aspekte der Modellversorgung in der Psychiatrie. Es gibt zurzeit rund 16 Kliniken in Deutschland, welche eine Modellversorgung durchführen, aber es gibt keine verbindlichen Merkmale, die eine Klinik erfüllen muss, um sich als Modellklinik bezeichnen zu können. Verkürzt könnte mensch sagen, dass alle diese Kliniken eine sogenannte „Ambulantisierung“ anstreben. Damit ist gemeint, dass die Kliniken weniger vollstationäre Aufnahmen machen, sondern mehr in Richtung teilstationär oder eben sogar ambulante Versorgung gehen und dass sich mehr an den Bedürfnissen der Nutzer*innen orientiert werden soll.

Unser Team bestand aus sieben Forscher*innen, von denen wir drei diejenigen mit Psychiatrieerfahrungen als Nutzer*innen waren und vier Menschen, die entweder Medizin studierten oder selbst als Psychiater tätig waren oder auch noch sind. Wir begannen die Arbeit, in dem wir das Material aus einem Vorgängerprojekt, in welchem es ebenfalls um Modellprojekte ging, neu auswerteten. Obwohl sich die Mitarbeiter*innen im Vorgängerprojekt bemüht hatten, die Perspektive der Nutzer*innen zu berücksichtigen, entdeckten wir bei der Auswertung Inhalte, die zuvor nicht wahrgenommen worden waren. Auf dieser Grundlage entwarfen wir neue Merkmale der Modellversorgung. Diese Merkmale waren stark geprägt durch unsere Perspektive als Erfahrungsexpert*innen und drehten sich unter anderem um Themen wie Selbstbestimmung, Empowerment, Solidarität unter Nutzer*innen, Sicherheit und die Vermeidung von Stigmatisierung und Gewalt. Anhand der Merkmale konstruierten wir drei verschiedene Interviewleitfäden, welche wir als Basis für die Interviews mit Nutzer*innen von Modellkliniken anwendeten. Da sich die Modellkliniken in unterschiedlichen Bundesländern befinden, reisten wir, meist in Tandems (eine Person mit und eine ohne Erfahrungsexpertise), zu den Kliniken und erhoben dort meist fünf bis sechs Interviews. Damit das Material dieser Interviews vergleichbar werden konnte, machten wir in ebenso vielen Kontrollkliniken (also Kliniken, welche keine Modellversorgung anboten) ebenfalls Interviews mit den Nutzer*innen. In der letzten Phase des Projekts werteten wir die Interviews aus und stellten die Modellkliniken und die Regelkliniken in Bezug auf unsere Merkmale gegenüber.

Während der Auswertung wurde uns klar, dass wir nicht nur Aussagen darüber erhielten, wie es genau ablief in den Kliniken und welche Veränderungen sich durch die Behandlung ergaben (Outcomes), sondern auch, wie es von den Nutzer*innen erlebt wurde. Diese Kategorie nannten wir Erlebensqualität und stellten fest, dass es in der deutschsprachigen Versorgungsforschung eine solche Kategorie noch nicht gab. Aber die Dimension des „Wie haben Sie Ihre Versorgung erlebt?“ schien uns zentral zu sein, und dass jene noch nicht erhoben wurde, ließ uns etwas Kopf schüttelnd zurück.

Ein Fazit des Projektes war, dass es in vielen Fällen signifikante (also auffällige und aussagekräftige) Unterschiede gab zwischen den Regel- und den Modellkliniken in Bezug auf die Umsetzung der Merkmale. Die Modellkliniken wurden von den Nutzer*innen zum Beispiel in Bezug auf Mitsprache und Flexibilität positiver erlebt als die Regelkliniken.

Auf der Basis unserer Merkmale haben wir auch einen Fragebogen entwickelt, der versucht, die Zufriedenheit der Nutzer*innen mit der Behandlung in Bezug auf die Erlebensqualität einzuordnen.

Unsere Erkenntnisse flossen darüber hinaus in einen Delphi-Prozess ein, der sich mit der Entwicklung von Kriterien für eine gute psychiatrische Behandlung befasste.

Hier gibt es mehr Informationen: https://www.mhb-fontane.de/psychcare-studie.html

AKtiV

…liest sich wie aktiv sein und hat auch viel damit zu tun. AKtiV steht für Aufsuchende Krisenbehandlung mit teambasierter und integrierter Versorgung. Der dazugehörende Paragraf findet sich im Sozialgesetzbuch 5 (115d). Wir sind Teil dieser Forschungsgruppe, zusammen mit u.a. zwei Doktorand*innen, unseren Teamleitern (Psychiater von Beruf) und einer europäischen Ethnologin und Geografin. Es gibt weitere Module, die sich mit anderen Fragen auseinandersetzen.

Wir wollen herausfinden, wie es Menschen geht, die zuhause durch ein Team aus Ärzt*innen, Pfleger*innen, komplementären Versorgungsdiensten, und Peers begleitet werden. Die Studie gliedert sich in mehrere Module, wir sind Teil des Moduls B und für die Qualitative Evaluation zuständig. Das schließt auch gesundheitsökonomische Gesichtspunkte und politische Fragen mit ein.

Die Kliniken, die sich an der Studie beteiligen, sind vorwiegend in Süddeutschland angesiedelt (Psychiatrien in Reutlingen, Tübingen, Reichenau, Zwiefalten, Weissenau, das Isar-Amper-Klinikum in München-Ost). Außerdem dabei sind die medizinische Hochschule Brandenburg, über die wir angestellt sind, Vivantes Kliniken und die Charité. 

Nach der Entwicklung von Leitfäden, planen wir zunächst, auch bedingt durch die aktuelle Corona-Lage, Telefoninterviews durchzuführen.

Wenn wir wieder besser verreisen können, fahren wir zu den Nutzer*innen nach Hause. Die Methode, nach der wir dann arbeiten, nennt sich teilnehmende Beobachtung. Das heißt, wir verbringen einige Zeit mit den Nutzer*innen, während sie zuhause behandelt bzw. besucht werden. Besuche schließen auch andere (Draußen- oder Drinnen) -Orte ein, zum Beispiel Büchereien, Supermärkte, Spielplätze, Wald, Natur, Gewässer. Wir kommen also an und stellen uns vor, fragen (auch schon im Vorfeld), ob unser Besuch erwünscht ist. Dann sind wir einige Zeit dabei, machen stichwortartig oder auch in ganzen Sätzen Feldnotizen, zum Beispiel auf ein Klemmbrett oder in ein Forschungstagebuch. Das beansprucht viel Aufmerksamkeit. Wir wollen versuchen, dabei ein Gefühl für das Befinden der Menschen in ihrer Umgebung zu entwickeln. Freunde, Angehörige und Haustiere gehören oft dazu. Nach einiger Zeit (je nach Bedarf der Nutzer*innen) fahren wir in unsere eigene Unterkunft und übertragen die Notizen in ein Protokoll, das wir nach einigen Tagen mit nach Hause bzw. in unser Büro nehmen und sammeln. Manchmal planen wir mehrere Besuche an einem Tag, kommen zu zweit oder allein vorbei. Abschließend, das heißt gegen Ende der Studie, beschreiben wir, was sich daraus ergeben hat. Während der Studie treffen wir uns auch mit den anderen Modulen und erkundigen uns nach deren Arbeit und umgekehrt.

Hier gibt es mehr Informationen: https://www.mhb-fontane.de/aktiv-studie.html

Die Studie Imppeer beschäftigt sich mit der Frage, welche Bedingungen es braucht, damit Genesungsbegleiter*innen gut als Mitarbeiter*innen in Kliniken arbeiten können. Das Team arbeitet kollaborativ. Im Rahmen der Studie werden Menschen befragt, die in Kliniken arbeiten.

Hier gibt es mehr Informationen: https://www.imppeer.de